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Bürgerforum - Windenergie in Bad Orb

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Windenergie in Bad Orb? Bürger diskutieren mit Experten

Kritische Diskussionen, viele Emotionen und gute Anregungen beim Bürgerforum

Über 500 Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung von Bürgermeisterin Helga Uhl gefolgt und kamen am Abend des 19. August zum Bürgerforum Energieland Hessen in die Konzerthalle Bad Orb. Wie sieht die Umsetzung der Energiewende in Hessen aus? Welche Auswirkungen hat Windkraft auf Mensch und Umwelt? Wie ist der aktuelle Stand der Planungen in Bad Orb – und welchen Abstand müssen Windkraftanlagen zu Wohngebieten einhalten? Diese und viele weitere Fragen diskutierten die Bürgerinnen und Bürger engagiert mit den anwesenden Expertinnen und Experten. Die Bürger konnten im Vorfeld ihre Fragen rund um das Thema Windenergie auf einer Internetplattform eingeben. Sowohl die örtliche Bürgerinitiative, der Verein Gegenwind Bad Orb, wie auch die Kurkliniken und die Nachbarkommunen waren in die Planung der Veranstaltung einbezogen. Dass die Emotionen in Bad Orb dennoch hoch schlagen würden, zeigte bereits die Demonstration der Windkraftgegner vor der Veranstaltung.

„Windkraftnutzung in Hessen hat ein enormes Potenzial – das war das Ergebnis des hessischen Energiegipfels, der unter breiter gesellschaftlicher Beteiligung stattgefunden hat“, erläuterte Dr. Justus Brans, Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, die Hintergründe der Veranstaltung. „Doch die Energiewende kann nur gemeinsam gelingen. Deshalb wollen wir alle Akteure beim Ausbau der Windkraft in Hessen mit einbeziehen“. Das Land Hessen habe Vorrangflächen identifiziert und jetzt ginge es darum, das vorhandene Potenzial mit den entsprechenden Kommunen gemeinsam zu heben. Auch Bürgermeisterin Helga Uhl betonte, wie wichtig ihr dabei der Dialog sei: „Wir wollen keine Entscheidung ohne intensive Bürgerbeteiligung und beziehen Sie deshalb bereits in die Diskussion zum Flächennutzungsplan mit ein.“ betonte Sie in ihrer Einführungsrede zum Stand der Planung in Bad Orb.

Eine Chance, die die Bürgerinnen und Bürger vom Bad Orb ausgiebig nutzten, auch wenn die Befürchtung geäußert wurde, dass die Würfel bereits gefallen seien. Frau Uhl betonte, dass Bad Orb noch in der frühen Planungsphase sei und dass noch keine Verträge mit Betreibern bestünden. Frau Buschkühl-Lindermann vom Regierungspräsidium Darmstadt erläuterte, dass im Landesentwicklungsplan ein Abstand von 1.000 Metern festgelegt wurde, und dass eine Abstandserhöhung für Kurstädte nur dann in Erwägung gezogen werden könne, wenn eine einheitliche Regelung umgesetzt werden könne. „Die Vorgabe, zwei Prozent der Flächen für die Windkraft in Hessen auszuweisen, muss dabei weiterhin gelten“ betonte die Dezernatsleiterin.

Engagiert forderten die Bürger eine bessere Koordination der Energiewende auf regionaler, Landes- und Bundesebene. „Wir brauchen ein übergreifendes Konzept, bevor die Anlagen gebaut werden“, betonte einer der Bürger. Helmut Winter vom Spessartbund e.V. führte aus, dass diese Koordination auch die bayerischen Nachbarn mit einbeziehen müsse und bot seine Zusammenarbeit an. Es ginge nicht an, dass die hessischen Kommunen ihre Anlagen auf die Landesgrenzen zu Bayern setzen, so der Referent, und erntete damit viel Zustimmung.

Ebenfalls für viel Beifall sorgten die Ausführungen von Professor Dr. Detlef Krahé von der Bergischen Universität Wuppertal, der die Problematik des Infraschalls beleuchtete. Der Grad der Auswirkungen des Infraschalls, wie Schlaflosigkeit oder Konzentrationsschwächen, hingen stark von den Abständen der Windkraftanlagen von Wohnbebauung oder auch der besonderen Topographie vor Ort ab. Berücksichtigt werden müssten ebenfalls die Lautstärke und Frequenz sowie die Altersstruktur vor Ort. Um hier zu einer Einschätzung zu gelangen, müsse vor allem mehr Grundlagenforschung betrieben werden.

Besonders interessierte die Bürger die Frage, welche Auswirkungen die Windkraftanlagen auf Bad Orb als Kurstadt hätten. Bereits die verschiedenen Visualisierung und die Reduzierung der ursprünglich geplanten 12 Anlagen auf 4 Anlagen hatten eine Debatte ausgelöst. Mathias Wolf vom Planungsbüro Holger Fischer wies darauf hin, dass es sehr wohl wissenschaftliche Kriterien gebe, wie eine solche Visualisierung berechnet werden könne. „Wir müssen allerdings erst einmal abwarten, bis wir mehr Informationen über den genauen Standort und den Anlagentyp haben“, kommentierte der Experte für die technischen Fragen. Viele der Anwesenden befürchteten negative Einflüsse auf Kurbetrieb und Tourismus: „Die Anlagen stören das Landschaftsbild – das könnte viele Besucher abschrecken. Dadurch gehen uns nicht nur Einnahmen, sondern auch Arbeitsplätze verloren“, fasste ein Bürger die Sorgen der Kritiker zusammen. Aus diesem Grund setze sich die Kommune für einen größeren Mindestabstand von 2.000 Metern zur Wohnbebauung ein. Die Bürgermeisterin wie auch der Kurdirektor sicherten auf der Veranstaltung zu, erneut für einen Schulterschluss der Kurgemeinden aktiv zu werben und die Koordination in die Hand zu nehmen.

Auch die Diskussion um die möglichen Einnahmen und die Preisentwicklung für Häuser und Grundstücke entfachte eine teils hitzige Debatte. Bürgermeister Daniel Bauer aus Hohenstein berichtete, dass sich in seinem Ort keine negativen Auswirkungen auf den Tourismus gezeigt hätten. Hintergrund sei eine kluge Standortwahl hinter einer Hügelkuppe und eine Vielzahl von Aktivitäten, um die Gemeinde für junge Familien attraktiv zu machen. „Dies können wir uns durch die Einnahmen der Windkraft auch leisten“, stelle Bauer klar und rief mit seinen positiven Äußerungen für die Windkraft den Widerspruch der anwesenden Kritiker hervor. Auch ein Teilnehmer, der persönlich in ein Bürgerwindrad investiert hat und über gute Erträge berichtet, hatte vor dem überwiegend kritischen Publikum einen schweren Stand. Moderatorin Dr. Antje Grobe, DIALOG BASIS, musste mehrfach an die Fairness des Publikums appellieren, damit eine sachliche Diskussion möglich wurde.

Letztes Themenfeld am späten Abend waren die Umweltfragen: Wie kann das Wissen vor Ort einbezogen werden? Wie wirken sich die Windräder auf Rotwild aus? Werden seltene Arten wie Luchse und Wildkatzen verscheucht? Frank Bernshausen, erfahrener Gutachter der PNL (Planungsgruppe für Natur und Landschaft), freute sich über das Angebot der Orber, die Gutachten zu Vögeln und Fledermäusen mit Beobachtungsprotokollen zu unterstützen, damit ein realistisches Bild entstehen könne. Für das Rotwild zeigten die Erfahrungen der letzten Jahre, dass die Tiere in der Bauphase kurzfristig auswichen, anschließend aber zurückkämen. Bei den bestehenden Windkraftanlagen im Wald hätten die Förster keine negativen langfristigen Effekte beobachtet. Luchse und Wildkatzen seien als geschützte Arten Gegenstand jeder Standortprüfung. Kommen diese in einem Waldgebiet vor, können dort keine Anlagen gebaut werden. Eine weitere Frage im Themenfeld Umwelt war der Flächenverbrauch von Windkraftanlagen. Frank Bernshausen führte hier aus, dass lediglich etwa 0,6 Hektar pro Windrad benötigt werden und dass Ausgleichflächen bereits gesetzlich vorgeschrieben sind.

Bürgermeisterin Helga Uhl zeigte sich am Ende sehr zufrieden mit der Veranstaltung: „Es ist trotz der Emotionen in Bad Orb gelungen, wichtige Fachfragen zu klären und eine intensive Diskussion auch mit den Gegnern zu führen.“ Nächster Schritt ist nun die Offenlegung des Flächennutzungsplanes für Bad Orb. Die Bürgerinnen und Bürger sollen dabei erneut einbezogen werden.

Was waren die zentralen Themen beim Bürgerforum in Bad Orb? Welche Fragen wurden gestellt – und welche Anregungen und Vorschläge erarbeitet? Hier geht es zum Simultanprotokoll der Plenumsdiskussion. Die Dokumentation der Podiumsdiskussion mit den Expertinnen und Experten können Sie hier herunterladen (PDF, 3,4 MB).

Mit dem Evaluationsbogen (siehe Downloads rechts) können Sie uns auch im Nachgang noch eine Rückmeldung zur Veranstaltung geben. Bitte senden Sie ihn ausgefüllt an l.beermann@scm.de.