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Bürgerforum Energieland Hessen in Eltville

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Fakten statt Emotionen: Bürgerforum informiert zur Windenergie in Eltville

Das Landesprogramm Bürgerforum Energieland Hessen konnte eine ganze Reihe von Fachfragen im Vorfeld des Bürgerentscheids zur Windenergie in Eltville am 31. Mai klären. In den beiden Veranstaltungen am 26. März und 14. April wurden die zentralen Fragen der Bürgerinnen und Bürger von Pro- und Contra-Expertinnen und -Experten beantwortet. Im Mittelpunkt der ersten Veranstaltung standen maßstabsgetreue Visualisierung, Fragen des Denkmalschutzes, finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten sowie die Auswirkungen auf Immobilien und Tourismus. In der zweiten Veranstaltung wurde zu Vogel- und Fledermausgutachten sowie zu technischen Fragen wie Fundamenten, Flächenverbrauch und Brandschutz diskutiert. Abschließend kamen die Bürgerinitiativen mit ihren Positionen zu Wort.

Hier finden Sie die Dokumentation des ersten Bürgerforums vom 26. März 2015 (PDF, 3 MB)

Realistische Bilder in den Köpfen verankern

Eines der zentralen Themen in Eltville war und ist das Landschaftsbild und die Auswirkungen der Windenergieanlagen auf die Kulturlandschaft des Rheingaus. Das Hauptanliegen der Bürgerinitiative Pro Kulturlandschaft sorgte in beiden Veranstaltungen für teils lebhafte Diskussionen. Mit Hilfe des Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung konnte eine maßstabsgetreue Visualisierung aufgebaut werden, die auf Basis amtlicher Geodaten wissenschaftlich korrekt zeigt, wie groß die Anlagen zu sehen sein würden. Das Instrument bietet den Vorteil, dass interaktiv Abstände und Größenverhältnisse aus allen möglichen Perspektiven gezeigt werden können. Von besonderem Interesse für den Denkmalschutz ist die Sichtbarkeit rund um Kloster Eberbach, denn hier stünden die Anlagen in 2,7 km Entfernung. Vom Eltviller Rheinufer sind sie rund 7 km entfernt. Um eine gute Vergleichbarkeit mit den Bildern der Bürgerinitiative zu erhalten, wurde fotorealistische Visualisierung vom Büro Lenné3D angefertigt – ebenfalls auf Basis der amtlichen Geodaten. Hinter dem Kloster würden maximal 3-4 Anlagen zu sehen sein. Auch in den Panoramaansichten sind die Anlagen deutlich kleiner als z.B. auf den Postkarten der BI zu sehen.

Denkmalschutz sagt ein klares „Nein“

Eindeutig bezogen die Vertretenden des Landesamtes für Denkmalpflege in Hessen Stellung. Die Landeskonservatorin äußerte sich sehr kritisch zu den vier Anlagen hinter Kloster Eberbach und betonte die überregionale Bedeutung des Kulturdenkmals. Für viele Zuhörer war dabei neu, dass die bisherigen Prüfabstände von 10 km für ein Denkmal der Kategorie A (Denkmal mit weiträumiger Blickbeziehungen in exponierter Lage) und 6 km für die Kategorie B (Denkmal mit weiträumiger Wirkung aber weniger exponiert) auf 5 km und 2 km gesenkt wurden. Für das Kloster wurde trotz seiner Lage im Tal die herausragende Bedeutung für die Region hervorgehoben. Wie eine solche Stellungnahme im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens vom zuständigen Regierungspräsidium zu gewichten wäre, müsste in einem nächsten Schritt geklärt werden. Ebenfalls zu klären wäre, welche Konsequenzen die Stadt Eltville ziehen würde, wenn sich diese vier Standorte in der direkten Sichtachse des Klosters als nicht genehmigungsfähig erweisen sollten.

Auswirkungen auf den Tourismus und Immobilien

Auch wenn die Experten pro und contra teils gegensätzliche Beispiele brachten – in einem waren sich beide einig: Tourismus und Immobilienpreise sind von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, von denen Windenergie nur einer ist. Es lassen sich sowohl Beispiele finden, bei denen nach dem Bau von Windenergieanlagen Immobilien und Tourismus eine positive Entwicklung nahmen, andere Beispiele zeigen das Gegenteil. Die Studienlage scheint zu belegen, dass die Preise für Einfamilienhäuser dann um etwa 2-3 % sinken, wenn in der Planungsphase sehr viel kritisch zur Windenergie diskutiert wird. Nach 6-8 Jahren gleichen sich die Preise wieder an. Auf andere Immobilien wie Mietshäuser oder Gewerbe sind keine Auswirkungen erkennbar.

Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger?

Ebenfalls auf der ersten Veranstaltung wurden verschiedene Möglichkeiten der finanziellen Bürgerbeteiligung erörtert. So wurden von Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Beteiligung wie Genossenschaften, Kommanditisten-Modelle, Genussscheine, Inhaber-Schuldverschreibungen und Bürgerwindaktien berichtet. Auch im Schlussplädoyer der Bürgerinitiative wurde ein Film zu diesem Thema gezeigt. Hier bestätigte sich die Empfehlung der Experten vom Bürgerforum, überzogenen Renditeerwartungen nicht zu trauen. Auch wenn weitaus positivere Praxisbeispiele angegeben wurden, einigten sich beide Experten pro und contra auf eine realistische Rendite-Einschätzung von minimal 2 % pro Jahr während der ersten 10 Jahre. Einige Bürgerwindparks konnten noch in der Tilgungsphase bis zu 13 % jährliche Rendite erzielen, Bürgerwindaktien und Genussscheine etwa 8 % Rendite vorweisen. Mit voranschreitender Tilgung der aufgenommenen Kreditkosten können die Renditen zu einem späteren Zeitpunkt erheblich höher ausfallen. Problematisch wurde allerdings bewertet, dass viele Prognosen sich als zu optimistisch erwiesen hätten. Inzwischen könne aber eine realistischere Einschätzung erfolgen.

Einigkeit über die Vogelhorste und Fledermausbestände

Die Gutachterin hat vor und während ihrer Analyse eng mit den fachkundigen und kritischen Gruppen vor Ort zusammengearbeitet. Es besteht Konsens mit dem Forstamt Rüdesheim sowie der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz hinsichtlich der Horste für besonders schützenswerte Vogelarten. Die Gutachterin der BHM Planungsgesellschaft ging weit über das übliche Maß des Prüfumfangs hinaus, verlängerte den Beobachtungszeitraum um ein ganzes Jahr, erhöhte die Anzahl der Beobachtungspunkte, erweiterte den Radius um die Horste von 1000 m auf 1500 m, um auch hier den jüngsten Empfehlungen der Vogelschutzwarten zu entsprechen. Für den Kranichzug wurde ein Monitoring empfohlen. Auch die Befunde der Arbeitsgemeinschaft für Fledermausschutz wurden fachlich nicht angezweifelt, handelt es sich doch beim Gutachter um einen Experten mit über 30 Jahren Erfahrung mit Fledermäusen im Rheingau-Taunus-Kreis. Er empfahl einige Standortoptimierungen und einen Abschalt-Algorithmus bei bestimmten Wind- und Wetterlagen, um die Fledermäuse vor dem gefürchteten Barotrauma zu schützen. Auch wenn also Einigkeit über die Daten herrschte, so bezweifelten die Kritiker die Bewertungen der Gutachter, dass die untersuchten Standorte als weitgehend unkritisch zu betrachten seien.

Viele Antworten zu technischen Fragen

Insgesamt wurde eine ganze Reihe technischer Fragen abschließend geklärt. Es wurde informiert, dass die Fundamente von Windenergieanlagen ca. 3,50 m tief sind und einen Durchmesser von etwa 25 m haben. Für den Rückbau müssen Bankbürgschaften beim zuständigen Regierungspräsidium hinterlegt werden, die auch dann bestehen bleiben, wenn die Besitzer wechseln oder insolvent werden sollten. Die Kommunen müssen nicht für den Rückbau aufkommen. Auch für ökologische Ausgleichsmaßnahmen und die Erschließung muss der Vorhabenträger finanziell Verantwortung übernehmen. Ganz klar waren auch die Aussagen zur tatsächlichen Breite von Transportwegen im Wald und dem Flächenverbrauch der Anlagen: gerade Wege werden 4,0 - 4,5 m breit angelegt mit einer lichten Breite von 5,0-6,0 m. In Kurvenbereichen kann eine größere lichte Weite erforderlich sein, damit die Rotorblätter ausreichend Platz haben. Die Zuwegung und die freizuhaltenden Flächen für die Wartung ergeben je nach Gelände einen Flächenverbrauch von 0,5-0,8 ha. Auch hierin waren sich die Experten pro und contra einig. In Sachen Brandschutz wurden die aktuellen Statistiken hinterfragt. Die Anzahl der Brände ist in den letzten Jahren stetig gesunken auf 4 Brände bundesweit 2013 und nur noch einem Brand einer alten Anlage 2014. Beide Experten betonten, dass die heutige Technik sich stark weiterentwickelt habe und erläuterten die im Brandfall notwendigen Rettungsmaßnahmen. Problematisch wurde der hohe Personalaufwand durch die unübersichtliche Lage im Wald bewertet - dies insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels bei den freiwilligen Feuerwehren, die auch unabhängig von der Windenergie mit Personalknappheit zu kämpfen haben.

Dokumentation verfügbar im Internet

Für all diejenigen, die die Veranstaltungen nicht vor Ort verfolgen konnten, wurden die Präsentationen der Experten und die Diskussionsbeiträge per Simultanprotokoll aufgenommen und dokumentiert. Alle Informationen stehen demnächst auf der Website des „Bürgerforum Energieland Hessen“ zur Verfügung.

Das Landeprogramm „Bürgerforum Energieland Hessen“ unterstützt Kommunen bei der Umsetzung der Energiewende und bietet über die Hessen Agentur und deren Partner neutral moderierte Dialogveranstaltungen an. Weitere Informationen zum Bürgerforum Energieland Hessen finden sie unter:

www.energieland.hessen.de/buergerforum_energie

Ansprechpartner Hessen Agentur:
Dr. Rainer Kaps
Leiter Themenfeld Energie
HA Hessen Agentur GmbH
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